Der Förster vom Gaprivizipfel

Die neuen Gastarbeiter (4): Der Deutsche Entwicklungsdienst entsendet Forstwirte nach Namibia Im Kinofilm der Nachkriegszeit hieß der Förster Rudolf Prack. Auf der Pirsch war er entweder in der Lüneburger Heide oder im Silberwald, und bis er seine künftige Försterin traf, war sein bester Freund ein Rauhaardackel namens Rudi. Rudi und Herrchen legten bösen Wilderern und gierigen Grundbesitzern das Handwerk, Iöschten Waldbrände und beobachteten bei Sonnenaufgang die Ricke mit ihrem Kitz.

In den fünfziger Jahren wollten viele Jünglinge Förster und noch mehr Mädels Försterin werden. Gott sei Dank ist Jo Krug, 32, zu jung “irr solche Schmonzetten. Deshalb kann man annehmen, dass er aus vernünftigen Gründen Forstwissenschaften studiert. Sein Revier liegt auch nicht im Schwarzwald, sondern in Schwarzafrika, genauer in Katima Mulilo im äußersten Nordosten Namibias. Seit fünf Jahren lebt der Diplom-Forstwirt in der einstigen deutschen Kolonie, von deren Naturschönheit die Touristen schwärmen und die dennoch Land und Leute kaum ernährt. Zur nächsten namibischen Pizzeria sind es 500 Kilometer, und wenn er einen Verbiss an Bäumen sieht, weiß er, dass hier kein Reh, sondern ein Elefant zugange war.

Immerhin: ,,In vertretbaren Entfernungen gibt es alles wirklich Wichtige zu kaufen”, versichert Jo Krug und zählt auf: Brot. Seife, Getränke. Seit Oktober 2000 steht er in den Diensten des Deutschen Entwicklungsdienstes (DED) und baut in Zusammenarbeit mit der namibischen Administration eine kommunale Forstverwaltung auf. Ein Riesenprojekt: ,,Die Gemeinden vor Nordost-Namibia sollen in die Lage gesetzt werden, die Forst-Ressourcen innerhalb ihrer traditionellen Gemeindegebiete selbständig, nachhaltig und zu ihrem Nutzen zu bewirtschaften”, erläutert Krug den Projektauftrag.

,,Ich berate und unterstütze die Gemeinden beim Aufbau der Verwaltungsstrukturen, bilde für das Management und die Bewirtschaftung der Wälder verantwortliche Gruppen aus und erstelle mit den betroffenen Gruppen Bewirtschaftungspläne.” Das klingt nach einem drögen Schreibtischjob. Doch Krug ist nicht in Deutschland. ,,Ich muss aus einer bestimmten Situation heraus Lösungen erarbeiten”, sagt er. ,,Dabei kann ich nur auf Handarbeit und nach unserem Verständnis mittelalterliche Werkzeuge zurückgreifen, etwa um Baumstämme per Hand zu Brettern zu verarbeiten oder einen geeigneten Holz-Ernteanhänger für Zugochsen zu entwerfen. ” Für High-Tech habendie Menschen in Namibia kein Geld.

Die meisten Förster in Deutschland arbeiten in einer Behörde mit festen Vorgaben, Abläufen, Besoldungsstufen und Dienstaltersregelungen. Für Jo Krug war das nichts. Abgesehen davon gibt es hierzulande nur wenige SteIIen für Forstwirte. An der Arbeit in Afrika reizte ihn, neben dem Leben in einer fremden Kultur, vor allem ,,die vielseitige Aufgabe, die Spielräume für meine eigenen Entscheidungen und die hohe Verantwortung gegenüber den Projektpartnern und den Erwartungen der Menschen vor Ort”.

Silozi und andere Soft Skills

 Als deutscher Förster steht Krug nicht allein auf Namibias weiter Flur. An dem Projekt arbeiten allein fünf andere Forstwirte aus Deutschland mit, die ebenfalls vom DED nach deutschem Recht angestellt sind und bezahlt werden. Schon aus beruflichen Gründen sehen sie sich oft, ,,mindestens alle drei Monate”, präzisiert Krug. Im Vergleich zu anderen afrikanischen Ländern beurteilt er die Wohnsituation als recht gut. Vor allem die Städte erfüllen schon fast europäische Maßstäbe: ,,Große Supermärkte, recht zuverlässige Telefonverbindungen, der Strom fällt selten aus.” Auf diesem Kontinent verändern sich die Maßstäbe. Aus der deutschen Kolonialzeit sind keine Ressentiments übrig geblieben. ,,Die Zusammenarbeit mit den namibischen Kollegen ist sehr gut.

AIs Berater werde ich gern gesehen und sehr freundlich aufgenommen”, sagt Krug. ,,Auf dem Land wird zwar ein Fremder und dann noch ein Weißer – manchmal mit Misstrauen betrachtet, aber das legt sich schnell.” Irgendwann möchte Krug nach Deutschland zurück, aber nicht so bald. Jetzt reist er erst einmal für ein paar Monate nach Hause, um seine Promotion abzuschließen. Danach will er seine Arbeit dem Projekt fortsetzen. ,,In den nächsten zehn Jahren würde ich gerne noch im Ausland arbeiten.” In welchem Land? ,,Darauf möchte ich mich noch nicht festlegen.” Krug spricht Englisch und hat im Land Afrikaans und Silozi gelernt. Damit kommt man auch woanders ein gutes Stück weiter.

In Namibia lebt es sich für kleines Geld. Die Lebenshaltungskosten sind höchstens halb so hoch wie in Deutschland. Und das soziale Niveau? Ärzte, Krankenhäuser, Schulen, kulturelles Angebot? ,,Das ist in den großen Städten wohl vergleichbar mit den ländlichen Gegenden in Deutschland”, sagt der Forstfachmann zögernd. Es klingt eher nach Hörensagen.

Denn da, wo Jo Krug lebt und arbeitet, ist fast alles eine ländliche Gegend, right in the MiddIe of Nowhere. Das nächste Kino liegt tausend Kilometer entfernt. Und da zeigen sie, welch ein Glück, keine alten deutschen Försterfilme.

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